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Sternendroge Tyrsoleen

15.04.2013

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Sternendroge Tyrsoleen
©   Rainer Schwalme

Während der Feierlichkeiten anlässlich seiner Ernennung zum Hater (der Weise) wird der berühmte Gelehrte Amon Deltar von einer Frau gestört. Sie behauptet, er hätte ein Mittel gegen eine furchtbare Krankheit, gäbe es aber nicht heraus. Ainina, die Frau, ist Ärztin und braucht das Gegenmittel dringend für ihre kleine Tochter. Das Kind leidet an Hyperverpilzung. Diese Seuche greift alle Organe des Körpers an und ist hoch ansteckend. Betroffenen bleibt nur die Wahl zu sterben oder sämtliche Organe durch künstliche ersetzen zu lassen und als Cyborg weiterzuleben.

Der Gelehrte ist tief betroffen und verlässt zusammen mit der Frau die Feier. Im Anschluss begeben sich beide auf eine Reise zu verschiedenen Orten der Erde, und Amon erzählt Ainina dabei die Geschichte seines Lebens.

Amon berichtet Ainina, dass er ohne Eltern in einem Kinderheim aufgewachsen ist und den Beruf eines Kommunikationsfacharbeiters (so etwas wie ein Psychologe oder Betreuer) erlernt hat. Seit der Jugendzeit war er auf der Suche nach seiner Identität. Rätselhafte Hinweise führten in um die ganze Welt. Überraschend leicht wurde ihm Zugang zu ausgewählten Informationen gewährt. Bei seiner Suche stieß er auf Spuren einer verschollenen interstellaren Expedition. Ein Hinweis führte ihn schließlich nach Australien und dort lernte er das seltsame, immer junge Ehepaar Sebal kennen.

Nora und Viktor Sebal lebten und forschten schon seit sehr langer Zeit in einem Superlabor auf dem fünften Kontinent. Beide eröffneten Amon, dass er langlebig und Nora seine Mutter sei. Sein leiblicher Vater, Markus O’Delta, wäre vor Jahrhunderten mit dem Raumschiff Archimedes in Richtung der Sternengruppe der Hyaden gestartet. Das Unternehmen endete jedoch tragisch und nur eine automatische Sonde sei zur Erde zurückgekehrt. In ihr hätten sich einige Früchte befunden, die den Ausgangsstoff für die Sternendroge Tyrsoleen bildeten. Mit Hilfe der aus der Sonde geborgenen Forschungsdaten erfuhr Amon später vom Schicksal seines Vaters.

Laut dieser Daten erlebte die Besatzung der Archimedes auf ihrer Reise eine Vielzahl von kosmischen Abenteuern. Die Raumfahrer entdeckten einige Leben tragende Planeten und trafen auf dystopische Gesellschaften wie in Huxleys „Brave New World“. Sie begegneten auch Menschen, die als Haustiere gehalten wurden wie in Swifts „Gulliver“.

Die Hyaden
Blick auf die Hyaden (rechts oben die Plejaden)

Schließlich erreichten die Raumfahrer einen Planeten in den Hyaden. Für eine genaue Untersuchung blieb ihnen nur wenig Zeit, denn der Planet näherte sich bereits seiner Sonne und drohte auseinanderzubrechen. Die Forscher hatten gerade einige Bäume mit Früchten entdeckt und begannen mit der Ernte, da geschah die Katastrophe. Die Oberfläche des Planeten wurde aufgerissen und riesige Magmafontänen stiegen zum Himmel auf. Der Boden bebte, die letzten Oasen planetaren Lebens wurden vernichtet. Nur durch einen Alarmstart konnte die Archimedes vor dem Fall in die Magmaseen bewahrt werden. Die Flucht gelang, jedoch nahmen viele Systeme der Archimedes durch diese Tortur Schaden und konnten nicht mehr repariert werden. Das Raumschiff war dem Untergang geweiht, ein Weiterflug unmöglich. In letzter Sekunde gelang Markus O’Delta der Start einer mit Früchten beladene Sonde zur Erde.

Die Sonde erreicht nach langem Flug die Erde und geht über Australien nieder. Die Sebals befanden sich zufällig zur gleichen Zeit im Urlaub. Sie entdeckten das Raumfahrzeug und bargen seine Ladung. Wenig später aßen Nora und Viktor versehentlich von den Früchten. Durch die Sternendroge Tyrsoleen wurden sie unsterblich und mit ewiger Jugend gesegnet.

Die psychischen Nebenwirkungen der Sternendroge hatten die Sebals jedoch nicht bedacht. Mit Fortschreiten der Zeit kamen die beiden in menschlicher Gesellschaft immer schlechter zurecht. Besonders Nora litt darunter, dass Freunde und Bekannte älter wurden und sich veränderten. Das Ehepaar verließ sein Labor kaum noch. Später erkrankte Viktor schwer und Nora fürchtete sich vor der drohenden Einsamkeit. Deshalb entschloss sie sich, ein Kind von Markus O’Delta auszutragen.

Aufgrund ihrer psychischen Auffälligkeiten durfte Nora ihr Kind ein halbes Jahr betreuen. Später wurden ihr nur kurze Besuche gestattet. Nora verlor daraufhin jegliches Interesse an anderen Menschen und verhielt sich seitdem immer autistischer.

Amon berichtet Ainina weiter, wie er sich entschloss, in Australien bei seiner Mutter zu bleiben. Er unterstützte die Sebals bei ihren Forschungen an der Sternendroge Tyrsoleen, lernte viel und wurde ein angesehener Wissenschaftler.

Aufmerksam verfolgte er in den letzten Jahren die Ausbreitung der schrecklichen Krankheit Hyperverpilzung. Amon konnte sich jedoch nie dazu durchringen, die Droge freizugeben. Das Dahinvegetieren seiner Mutter schien ihm ein zu hoher Preis für ewige Gesundheit zu sein. Das Schicksal von Aininas Tochter lässt ihn jedoch am Ende anders entscheiden...

Hintergrund

„Sternendroge Tyrsoleen“ erschien 1983 im Verlag Neues Leben Berlin in der populären „Basar“-Reihe. Die Bücher der Reihe wurden im Taschenbuch-Format verlegt und enthielten oft eine ansprechende Illustrierung. Die Illustrationen dieses Buches stammen von Rainer Schwalme.

Persönliche Wertung

Der Roman zeichnet sich durch seine vielseitige und anspruchsvolle Handlung aus. Der Autor sprüht vor Ideen, einige Episoden hätten das Zeug zu einem eigenständigen Buch gehabt. Der Wechsel der zeitlichen Perspektive gibt dem Ganzen einen besonderen Reiz und fesselt den Leser.

Die bildreiche und treffende Sprache erzeugt im Kopf des Lesers einen Film. Die Beschreibung des Labors in Australien bspw. kommt ganz ohne billige Schock-Effekte aus und macht es trotzdem zu einem unheimlichen Ort. Die vielen außerirdischen Pflanzen und Tiere wirken geheimnisvoll. Kein Lebewesen ist grundsätzlich böse und verhält sich wie ein blutrünstiges Alien. Die Gefahren ergeben sich allein aus der Verschiedenartigkeit des Lebens im Kosmos.

Unbedingt hervorzuheben ist die Fähigkeit des Autors, bei seinen Lesern Ergriffenheit auszulösen. Das Schicksal der intelligenten Echse aus Boje 14222 erschüttert und rührt das Herz an, als sie verzweifelt wispert: „… Wo sind die Kinder … Sie werden ohne mich sterben …“ (S. 122). Den Kosmos mit automatischen Systemen zu erforschen, die einfach Objekte einsammeln und zur Erde zurückbringen, erscheint wenig sinnvoll und human. Der Mensch kann als Beobachter und Entscheidungsträger keinesfalls durch ein Computersystem ersetzt werden.

Am meisten bewegt mich die Episode „Im gelobten Land“, in der von dem Schicksal eines altgewordenen Menschen berichtet wird. In dieser Welt werden die Alten abgeschoben, weil sie nicht mehr in die Gesellschaft des ewig jungen und leistungsfähigen Scheins passen. Sie verlieren alle Bürgerrechte und werden ins „Gelobte Land“ gebracht. Viele Einwohner stellen sich diesen Ort als geheimnisvolle Insel der verheißenen Glückseligkeit vor. In Wirklichkeit ist alles nur eine Farce, das Leben eine einzige große Lüge. Dauerberieselung mit sinnloser Werbung lässt die Einwohner nicht mehr zum Nachdenken kommen. Selbst auf die Besatzung der Archimedes bleiben die dämlichen Filmchen nicht ohne Wirkung. Die hohlen Phrasen erinnern erschreckend an aktuelle Werbespots.

Auch wenn der Roman schon knapp 30 Jahre alt ist, werden in ihm Probleme angesprochen, die in der heutigen Zeit höchst aktuell sind. So wird von einem Experiment mit drei Affengruppen unter verschiedenen Umweltbedingungen berichtet. Eine Gruppe lebt zwischen vier dreidimensionalen Wänden, auf denen ständig Filmdarbietungen laufen. Die Tiere verhalten sich nach einiger Zeit unruhig und apathisch. Begleitet wird das Verhalten durch immer wieder auftretende Gewaltausbrüche, durch die die aufgestaute Energie abgebaut wird. Die Tiere richten ihre Aggressionen auch gegen sich selbst. Das Experiment muss abgebrochen und die Tiere einer langwierigen Therapie unterzogen werden. Beim Lesen dieses Abschnitts fühlte ich mich an aktuelle Debatten über die Auswirkungen unmäßigen Medienkonsums erinnert.

Der Roman „Sternendroge Tyrsoleen“ ist für mich ein besonders lesenswertes Buch.

 

Zum Buch

Originaltitel: Sternendroge Tyrsoleen
Autor: Hans Bach
Verlag: Verlag Neues Leben 1983
Seitenzahl: 283
Ausgabe: Paperback

Quellen

[1] Sternendroge Tyrsoleen - Verlag Das Neue Berlin 1983

[2] Die Science-fiction der DDR - Autoren und Werke, Verlag Das Neue Berlin 1988 - herausgegeben von Erik Simon und Olaf R. Spittel

Das Buchcover ist eine Grafik von Rainer Schwalme.

Das Bild der Hyaden wurden mit der freien Software Celestia erstellt.

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