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„Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne“mylogo

(Jean Paul)

Sonnentaucher

26.08.2012

Zum Inhalt

Kant Fagin
Kant Fagin

Jacob Demwa ist Delphin-Trainer am Uplift-Center auf der Erde und erhält eines Tages den Anruf eines außerirdischen Freundes. Fagin, ein Kanten, bietet ihm einen Job an. Jacob reagiert anfangs widerwillig, lässt sich aber zu einem geheimen Treffen im Alien-Reservat überreden. Als er dort ankommt, gerät er geradewegs in eine Demonstration zweier Gruppen.

Auf der Erde gibt es seit einiger Zeit einen hitzigen Streit über die Stellung des Menschen in der Evolutionstheorie. Die Gruppe der „Häute" bekennt sich zu Darwin und glaubt, der Mensch habe sich von selbst zur intelligenten Spezies entwickelt. Die Gruppe der „Hemden" dagegen glaubt an den Einfluss einer unbekannten außerirdischen Macht. Sie beziehen sich dabei auf die Theorien Dänikens. Danach sollen vor vielen tausend Jahren außerirdische Raumfahrer die Erde besucht und der Menschheit einen entscheidenden Entwicklungsimpuls gegeben haben.

Der Ausgang dieses Konflikts ist nicht ganz unwichtig. Hätten Dänikens Anhänger Recht, droht der Erde eine Stagnation in Forschung und Entwicklung. Die „Hemden" sind nämlich der Ansicht, die Menschheit müsse sich nur bereitwillig in die Arme einer der führenden Alien-Völker der Galaxis begeben und sich entwickeln (upliften) lassen. Als Klienten hätten die Menschen dann unbegrenzten Zugang zur galaktischen Bibliothek und könnten jede gewünschte Information abrufen, ohne selbst noch Kraft und Energie für die Forschung aufwenden zu müssen.

Beim Treffen im Alien-Reservat erfährt Jacob, dass man bei Expeditionen in der Chromosphäre der Sonne ungewöhnliche Erscheinungen, sogenannte „Gespenster", beobachtet hat. Die kleine galaktische Bibliothek auf der Erde, den Menschen vor kurzem von den anderen Völkern der Galaxis als Erstlingsgabe überlassen, verfügt jedoch über keinerlei Informationen zu vergleichbaren Phänomenen.

Jacob erklärt sich bereit, zusammen mit anderen Wissenschaftlern die Sonnen-Gespenster zu untersuchen. Sie werden dazu mit einem Sonnenschiff in die obersten Schichten der Sonne eintauchen. Jacob reist zum Merkur, auf dem sich die Basis des Sundiver-Projekts befindet.

Merkur Sonne
Merkur Sonne

Dort lernt er die attraktive Stationskommandantin Helene daSilva kennen. Zwischen ihr und Jacob wird sich mit Fortschreiten der Handlung eine Liebesbeziehung entwickeln. Auf dem Merkur halten sich außerdem sein Freund Fagin, der oberste Leiter der galaktischen Bibliotheksfiliale Bubbacub (ein Pil) sowie sein Assistent Culla (ein Pring) auf. Das Sundiver-Projekt wird von Dr. Dwayne Kepler geleitet. Die Psychiaterin Dr. Mildred Martine und der Journalist Peter LaRoque gehören ebenfalls zum Team.

Toroiden in der Sonne
Toroide in der Chromosphäre

Die Expedition kann auf ihrem Flug in die Sonne drei verschiedene Formen von Sonnen-Gespenstern (Solarier) beobachten. Zur ersten Gruppe gehören Magnetovoren (die Schafe), auch Toroide genannt. Diese Wesen verhalten sich wie Tiere und leben von den extremen Magnetfeldern in der Sonne. Begleitet, und vermutlich auch bewacht, werden sie dabei von einer anderen, sich intelligent verhaltenden Lebensform (die Schäfer). Die Vertreter der dritten Gruppe haben menschenähnliche Gestalt und wirken bedrohlich. Außerdem scheinen sie die Seite des Sonnenschiffs zu meiden, auf der sich die Instrumente befinden.

Als der Wissenschaftler Dr. Jeffrey, ein Neo-Schimpanse, auf einer Solomission zur Sonne verunglückt, scheinen sich die feindlichen Absichten der Sonnen-Gespenster zu bestätigen. Eine anschließende Untersuchung belastet den Reporter LaRoque schwer. Ihm wird Sabotage an Dr. Jeffreys Schiff unterstellt. LaRoque muss sich einem Test unterziehen, der feststellen soll, ob er zu einem Mord fähig wäre. Die Testergebnisse zeigen an, dass LaRoque ein sogenannter Proband ist und zu gewaltsamem Verhalten neigt. Daraufhin wird er festgenommen.

Pil Bubbacub
Pil Bubbacub

Der Pil Bubbacub dringt anschließend darauf, eine weitere Expedition zur Sonne zu unternehmen. Er glaubt fähig zu sein, sich mit den Sonnen-Gespenstern in Verbindung zu setzen. Bubbacub scheitert, gibt aber an, erfolgreich gewesen zu sein. Er behauptet, die Psi-Kräfte der Solarier hätten LaRoque beeinflusst und zu seinen Taten getrieben. Außerdem verstreut der Pil heimlich ein Pulver, das die Schiffs-Sensoren blockiert und gibt vor, die Gespenster verjagt zu haben. Ihm ist peinlich, dass die galaktische Bibliothek keine Informationen über die Lebensformen auf der Sonne enthält.

Jacob kann Bubbacub nachweisen, dass er alle durch einen Trick getäuscht hat. Die Bloßstellung ihres Abgesandten bringt Schande über die Zivilisation der Pila. Die Menschheit hat sich dadurch aber auch einen mächtigen Feind gemacht.

Pring Culla
Pring Culla

Die Wissenschaftler unternehmen wenig später eine weitere Mission zur Sonne. Diesmal wollen sie einen Laser zur Kommunikation mit den Gespenstern einsetzen. Es kommt zu einem kurzen Kontakt. Sie werden von einem Gespenst in menschlicher Gestalt vor der weiteren Erforschung der Sonne gewarnt. Dann entdeckt Jacob, dass eines von Cullas Lebensmitteln den Grundstoff für einen Farbstofflaser enthält. Völlig überrascht stellt er fest, dass Culla im Stande ist, mit seinen Augen Laserlicht zu erzeugen. Der Pring muss die menschenähnlichen Gespenster erzeugt und alle damit getäuscht haben. Culla fühlt sich durchschaut und flieht auf die Schiffsseite mit den Instrumenten. Von dort beginnt er, den Schiffsantrieb zu sabotieren. Er will das Schiff in die Sonne stürzen lassen und so seinen Betrug verbergen.

Die Solarier versuchen, den Fall des Schiffs abzufangen. Toroide begeben sich unter das Sonnenschiff und stützen es von unten. Der Absturz kann aber nur verlangsamt, nicht aufgehalten werden.

Während Jacob und ein weiteres Crew-Mitglied versuchen, Culla auszuschalten, entdeckt Helene, dass nur die Geräte mit galaktischer Technologie sabotiert worden sind. Der Kühl-Laser jedoch kann als Antriebsaggregat verwendet werden. Culla wird nach langem Kampf getötet. Das Schiff entkommt der Anziehungskraft der Sonne, aber alle Besatzungsmitglieder außer Fagin sterben und werden schockgefroren.

Das Sonnenschiff wird geborgen und seine Mannschaft einige Zeit später wieder zum Leben erweckt. Die Aufzeichnungen des Schiffs enthüllen, dass der Gespenster-Laser-Trick Bestandteil einer Kampagne ist, deren Ziel die Befreiung der Pring aus dem Klienten-Status bei den Pila ist. Culla wollte Bubbacub blamieren und das Schiff zerstören, sollte man ihm dabei auf die Schliche kommen.

Die Menschen beschließen, die Entdeckungen in der Sonne und die Ereignisse auf dem Sonnenschiff nicht öffentlich zu machen. Der Kontakt zu den echten Solariern wird ausgebaut. Man erhofft sich Vorteile durch die dabei gewonnenen Erkenntnisse. Würde die menschliche Forschung einen Beitrag zur Erweiterung des in der galaktischen Bibliothek gespeicherten Wissens leisten können, würde das vielleicht das Ansehen der Menschen und ihrer Klienten (Schimpansen und Delphine) im Kreis der galaktischen Familie entscheidend erhöhen. Am Ende des Romans begibt sich Jacob mit Helene auf eine Langezeitexpedition in die Tiefen des Weltalls ...

Hintergrund

Der Roman „Sonnentaucher" ist das erste Buch David Brins, das in seinem UpLift-Zyklus spielt. Das Buch erschien erstmals 1980 in englischer und 1995 in deutscher Sprache. Insgesamt gehören 9 Bücher zu dieser Reihe, die sich bei SF-Fans großer Beliebtheit erfreut. Weitere Hintergründe zum Uplift-Zyklus erhalten Sie, wenn Sie die Informationen zum Schriftsteller David Brin abrufen.

Zeitlich muss die Handlung des Romans weit vor den anderen Büchern des Uplift-Zyklus eingeordnet werden. Die meisten Figuren tauchen in den nachfolgenden Bänden nicht wieder auf. Jacob Demwa wird in „Sternenflut" als Mentor von Tom Orley und Gillian Baskin erwähnt. Er unternimmt mit den Beiden eine Reise zur Mutterwelt der Tymbrimi ([2], S. 260) und gemeinsam besuchen sie die Zentralbibliothek auf Tanith. ([2], S. 582)

Helene Alvarez (geb. daSilva) wird im Roman „Entwicklungskrieg" den Vertrag mit den Thennanin unterzeichnen. Sie scheint außerdem der ehemalige Kapitän von Credeiki an Bord des Raumschiffs „James Cook" gewesen zu sein. ([2], S. 270)

Persönliche Wertung

Der Roman „Sonnentaucher" verbindet eine kriminalistische Untersuchung mit einer Handlung, die in der Zukunft liegt, zu einer Art SF-Krimi. Denn eigentlich nimmt Jacob Demwa als Ermittler an dem Sundiver-Projekt teil. Er soll das Rätsel der Sonnen-Gespenster lösen und gerät in eine Geschichte, in der Niemand genau das ist, was er zu sein scheint. Jacob selbst erweist sich als gespaltene Persönlichkeit, der anfangs unsympathische LaRoque offenbart ungeahnte positive Fähigkeiten und der brave Culla entpuppt sich schließlich als furchterregendes Alien.

Das von David Brin entworfene Universum ist komplex und gut durchdacht. Glaubhaft schildert er die Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen den galaktischen Völkern. Als genial kann seine Fähigkeit bezeichnet werden, sich eine Vielzahl verschiedener außerirdischer Spezies auszudenken und treffend zu beschreiben.

Dem Autor gelingt es auf verständliche und bildhafte Weise, sein umfangreiches Wissen über Astronomie und Physik in eine spannende Science-Fiction-Handlung einfließen zu lassen. Seine Beschreibung hochkomplexer Vorgänge in der Sonne lässt vor den Augen der Leser wunderbare Bilder und Szenerien entstehen.

Die Darstellung der Beziehungen zwischen den galaktischen Völkern ist gleichzeitig Sinnbild für unsere politischen Systeme. Was ist das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Patron und Klient anderes als das zwischen Kolonialmacht und Kolonie?

In dem Roman lässt sich ebenso ein großer Anteil Sozialkritik entdecken. Am Beispiel der Geschichte der Cherokee-Indianer verdeutlicht der Autor, in welchem Dilemma sich die Erdzivilisation befindet. Soll sie bedenkenlos die „Segnungen" der Bibliotheksfiliale annehmen? Sollen die Menschen galaktische Technologie nutzen, die sie nicht selbst entwickelt haben und deren Funktionsweise sie auch nicht verstehen? Die Gefahr, sich dadurch in vollkommene Abhängigkeit zu begeben, ist nicht von der Hand zu weisen. Gerade der Bezug zu historischen Ereignissen macht den Roman zusätzlich besonders lesenswert und interessant.

Das von David Brin entworfene Zukunftsbild beschreibt eine friedliche Welt. Konflikte zwischen den Staaten gehören der Vergangenheit an. Die Menschheit beginnt, mit einer Stimme zu sprechen. Dafür wurde jedoch ein hoher Preis bezahlt. Die Menschen werden durch Tests in zwei Gruppen geteilt – Probanden und normale Bürger.

Probanden können durch genetische und psychologische Disposition zu gewaltsamem Verhalten neigen. Sie dürfen deshalb nicht die Erde verlassen, sind in ihrem Elternrecht beschränkt und der Zugang zu den Alien-Reservaten ist ihnen verwehrt. Besonders bedenklich ist die Markierung jedes Probanden mit einem Sender, durch den er jederzeit überwacht werden kann. David Brin macht mit deutlichen Worten darauf aufmerksam, dass ein solcher Test und die anschließende Separation der Abweichler überaus ungerecht und undemokratisch, ja unmoralisch sind. Er regt mit diesen Passagen des Romans zum Nachdenken darüber an, wie die Gesellschaft mit den Individuen umgeht, die nicht in ihr konditioniertes Raster passen.

Der Roman „Sonnentaucher" ist unterhaltsam und spannend zu lesen. David Brin verblüfft mit immer neuen Wendungen, die die Handlung nimmt und hält so seine Leser bei der Stange. Besonders zum Ende hin kommt die Story rasant in Fahrt, so dass es kaum mehr gelingt, das Buch aus der Hand zu legen. Der Roman ist gleichzeitig der Einstieg in den faszinierenden Uplift-Zyklus des Autors. Man erfährt, wie alles beginnt.

Ich möchte den Roman jedem Leser, der an guter und unterhaltsamer SF-Literatur interessiert ist, von ganzem Herzen empfehlen.

Zum Buch

Englischer Originaltitel: Sundiver
Autoren: David Brin
Deutsch: Rainer Schmidt
Verlag: WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN 1995
Seitenzahl: 445
Ausgabe: Paperback

Quellen

[1] Sonnentaucher – WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN 1995

[2] Sternenflut -  WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN 2000

Das Bild Pring Culla ist eine Nachzeichnung nach dem Buchcover von Jim Burns (Sonnentaucher - WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN).

Die Bilder des Pil Bubbacub und des Kanten Fagin sind eigene Zeichnungen nach Grafiken von Kevin Lenagh aus Contacting Aliens (An Illustrated Guide to David Brin's Uplift Universe) - Bantam Books, a Divison of Random House (S. 41 und S. 115)

Die Bilder von Merkur und Sonne wurden mit der freien Software Celestia erstellt.

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