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(Jean Paul)

Myst - Das Buch der D’ni

25.08.2012

Zum Inhalt

Atrus und seine Familie in Myst
Atrus und seine Familie in Myst

Seit dem Untergang von D’ni sind fast 70 Jahre vergangen. Atrus und Katharina gelangen mit Hilfe eines von Atrus geschriebenen Verbindungsbuches in die Welt Averone. Die dort lebenden Eingeborenen nehmen die Besucher freundlich auf. Später reisen Atrus und Katharina gemeinsam mit einigen jungen Leuten zur Insel K’veer, auf der sich Atrus‘ Zimmer befindet, und öffnen mit deren Hilfe den verschütteten Eingang nach D‘ni. An diesem Ort war Atrus vor 40 Jahren von seinem Vater eingesperrt worden. Nun ist der Weg nach D’ni frei!

Eigentlich sollten Atrus und Katharina Avarone danach für immer verlassen und nie mehr zurückkehren. So war es mit den Ältesten ausgemacht. Die Gesellschaft auf Averone sollte vor allzu großen Veränderungen bewahrt werden. Inzwischen hat jedoch ein Wandel eingesetzt, der den Averonesen auch Vorteile bringt und nicht mehr aufgehalten werden kann. Atrus hat durch sein ehrliches  und umsichtiges Verhalten das Vertrauen der Ältesten gewonnen. Deshalb erlauben sie einigen jungen Männern und Frauen, mit Atrus zu gehen, unter der Voraussetzung, dass sie regelmäßig zurückkehren, um die Jüngeren zu Hause zu unterrichten.

Von K’veer nach D’ni D’ni aufbauen
Von K’veer nach D’ni
D’ni wird wieder aufgebaut

Wenig später geht eine Gruppe von jungen Leuten mit Atrus und Katharina nach D’ni. Als erstes suchen sie nach Verbindungsbüchern, um Überlebende der Katastrophe vor 70 Jahren zu finden. Nachdem sie über 700 Bücher gesammelt haben, überprüft Atrus diese Zeitalter. Anfangs können nur wenige überlebende D’ni gefunden werden, später wird ihre Zahl auf mehr als 1800 anwachsen. Die meisten Überlebenden und ihre Nachkommen, erklären sich zur Rückkehr bereit. Sie wollen mit Atrus die Stadt D’ni wieder aufzubauen.

Atrus prüft die Bücher Ueberlebende werden gefunden Erkunderteams
Atrus prüft die Bücher Überlebene werden gefunden Erkunderteams

Die Arbeiten am Wiederaufbau gehen nur sehr langsam voran. Die Schäden sind einfach gigantisch. Das alte Gildenhaus der Tintenmacher scheint am wenigsten beschädigt zu sein, deshalb soll es als erstes repariert werden. Diese Geste wird allen Beteiligten Mut machen und Hoffnung schenken.

Opfer des Untergangs Auf der Suche Atrus lehrt
Opfer des Untergangs
Auf der Suche
Atrus lehrt

Die Arbeiten beginnen, kommen jedoch wenig später zum Stocken. Das Objekt ist stärker beschädigt als gedacht. Zudem wird tief unter dem großen Saal des Gildenhauses der lange verlorene Tempel des Großen Königs entdeckt. Atrus und seine Mitstreiter öffnen vorsichtig das Siegel an der Tür und gehen in den Tempel hinein. Staunend stehen sie vor Regalen mit tausenden Verbindungsbüchern. Unbekannte, jedoch irgendwie vertraut aussehende Schriftzeichen bedecken die Wände. Die Bücher sind viele tausend Jahre alt, und in einer Sprache geschrieben, die der der D’ni ähnelt. Mit einiger Anstrengung gelingt eine Übersetzung der Texte.

Karte von Garternay
Karte von Garternay

Im Tempel entdecken sie einen versiegelten Raum, in dem ein großes und reich verziertes Verbindungsbuch zum Zeitalter Terahnee liegt. Atrus und seine Freunde entscheiden sich, diese Welt zu besuchen. Sie entdecken eine Kultur, die der ihren ähnelt. Anscheinend stammen auch diese Menschen von Garternay, der Heimatwelt aller D’ni.

Aber die Terahnee sind demselben Wahn wie Atrus‘ Vater Gehn verfallen. Sie haben die Menschen anderer Zeitalter versklavt. Ihre Diener sind in zwei Kasten aufgeteilt und werden schon als kleine Kinder mit Folter zum unbedingten Gehorsam erzogen. Die P'aarli arbeiten als Aufpasser, einige von ihnen sind wahre Leuteschinder.

Die eigentlichen Sklaven sind die Relyimah, die „Unsichtbaren“. Um die Herrschenden in den Häusern zu bedienen, benutzen sie Durchgänge in den Wänden und unter dem Fußboden. Die normalen Terahnee sind darauf trainiert, die Sklaven einfach nicht zu sehen. Von Kindheit an werden sie dazu erzogen, die Sklaverei als einzig richtige Lebensweise anzusehen. Die Sklaven führen ein jämmerliches Leben. Ihre Lebenserwartung ist sehr gering. Einige haben sich zu einer Untergrundorganisation zusammengeschlossen und hoffen, irgendwann einmal die Freiheit zu erringen.

Die Terahnee nehmen Atrus und seine Leute anfangs freundlich auf, weil sie glauben, dass sie wahre D’ni sind. Zum Bruch kommt es erst, als Atrus ihnen erklärt, dass er nur zu einem Viertel und einige seiner Begleiter keine D’ni sind. Außerdem vertritt Atrus die Ansicht, dass auch Nicht-D’ni Zeitalter schreiben können. Mit dieser Vorstellung sind seine Gastgeber überhaupt nicht einverstanden. Denn die Terahnee glauben, dass sie allein Zeitalter schreiben können. Mit dieser gottähnlichen Fähigkeit wähnen sie sich im Recht, über andere Welten herrschen und deren Einwohner versklaven zu dürfen.

Atrus und seine Freunde werden verhaftet und erwarten das Todesurteil des Königs. Bevor es dazu kommt, bricht im gesamten Zeitalter eine schreckliche Krankheit aus. Die meisten Terahnee und P'aarli sterben, nur unter den Relyimah wütet die Seuche in weit geringerem Maße.

Bald darauf erheben sich die Relyimah gegen ihre kranken Herren und übernehmen die Herrschaft. P'aarli aus einem anderen Zeitalter landen in Terahnee, werden aber von der Armee der Relyimah vernichtend geschlagen. Schließlich erhebt sich Ymur, der Kommandeur der Sklavenarmee, selbst zum Herrscher. Ein kleiner Junge beendet wenig später seine kurze Herrschaft …

Die Seuche und die anschließenden Kämpfe überleben nur wenige Terahnee. Ihre Zivilisation ist dezimiert; die P'aarli sind besiegt. Die Sklaven beginnen, das Leben in ihrem Zeitalter zu organisieren. Atrus überlässt ihnen einen Verhaltenskodex, der auf dem D’ni-Gesetz beruht. Später verlässt er mit seiner Gruppe dieses Zeitalter. Das Verbindungsbuch nach Terahnee wird wieder versiegelt, die Verbindung zwischen den Welten ist nun für immer unterbrochen.

Katharina und Yeesha
Katharina und Yeesha

Die Rückkehrer beschließen daraufhin, D’ni nicht in der großen Höhle unter der Erde neu aufzubauen. Atrus schreibt ein besonders schönes Zeitalter, in dem die D’ni-Überlebenden, einige Terahnee und einige Menschen von Averone zusammenleben werden. Der Name des Zeitalters bleibt allerdings ungenannt.

Zusammen mit Katharina und seiner Tochter Yeesha lebt Atrus danach auf Tomahna und „bewegt sich ruhig auf das Ziel zu, was der Schöpfer ihm gesetzt hat …“ ([1]; S. 379)

Hintergrund

Myst – Das  Buch der D’ni ist der dritte von drei Romanen, die den Hintergrund der Computerspielreihe Myst von Cyan Worlds näher beleuchten. An der Entstehung des Buches waren wieder Rand Miller, Chris Bradkamp, Richard Watson, Ryan Miller und David Wingrove beteiligt. Im Jahr 1998 erschien das Buch in deutscher Sprache.

Die Handlung spielt 40 Jahre nach Myst – Das Buch Atrus und 4 Jahre nach der Befreiung von Katharina aus Riven.

Ein ursprünglich geplantes viertes Buch der Myst-Reihe konnte bis jetzt nicht realisiert werden. Eine Vorschau auf Myst - The Book of Marrim wurde in der europäischen Collector‘s Edition von Myst V veröffentlicht. Eine kurze Einleitung beschreibt aus der Sicht von Marrim ihr Leben auf Releeshahn, wo sie zusammen mit ihren Mann Eedrah und den D’ni-Überlebenden wohnt. Es sei noch erwähnt, dass das Buch bzw. diese Vorschau, vier Jahre nach der Übersiedlung nach Releeshahn spielen sollen.

Persönliche Wertung

Der Roman ist vor allem dem Genre Fantasy zuzuordnen. Aber auch einige Elemente aus der Science-Fiction und die Beschreibung einer Gesellschaftsform lassen sich entdecken.

Das Buch enthält einen deutlich geringeren SF-Anteil als seine Vorgänger. Etwas unrealistisch empfinde ich den Einsatz der Schutzanzüge zum Besuch von potentiell gefährlichen Planeten. Die beschriebenen Vorrichtungen zum zeitgesteuerten Wechsel in ein Zeitalter und wieder zurück ließen sich sicherlich auch für eine unbemannte Expedition einsetzen.

Da bereits in Myst – Das Buch Ti’ana detailliert beschrieben wird, wie auch unbelebte Materie in ein anderes Zeitalter versetzt werden kann, ergibt es keinen Sinn, Menschen auf eine lebensgefährliche Ersterkundung zu schicken. Es sei in diesem Zusammenhang auch erwähnt, dass es wohl kein Material gibt, das einen Menschen im Zentrum einer Nova am Leben erhalten könnte.

Es wird leider nur kurz beschrieben, dass die D’ni über sehr moderne medizinische Labore verfügt haben müssen. Hier hätte sich der an der D’ni-Kultur interessierten Leser bestimmt mehr Informationen gewünscht.

Überaus gut gelungen ist die Beschreibung der faszinierenden Welt Terahnee. Man spürt mit wieviel Phantasie und Begeisterung die Autoren an diese Aufgabe herangegangen sind. Vor dem inneren Auge des Lesers entsteht das Bild einer wunderschönen, paradiesisch anmutenden Welt. Die wenigen dort anzutreffenden Nebencharaktere sind gut und treffend beschrieben und vermitteln eine genaue Vorstellung von den Menschen und ihrer Kultur. Als Leser verliert man dadurch nicht den Überblick und kann der Handlung folgen, ohne von zu vielen Einzelheiten erschlagen zu werden. Einige Beschreibungen der Bauwerke oder technischen Konstruktionen in Terahnee hätten noch etwas Feinschliff vertragen können. Es war nicht immer ganz einfach, alle Details zu erfassen und sich die dazugehörigen Objekte vorzustellen.

Interessant ist die Gegenüberstellung der Zivilisationen der D’ni und der Terahnee. Beide haben denselben Ursprung - die Heimatwelt Garternay -, könnten aber nicht verschiedener sein. Die Welt in D’ni ist düster und dunkel, liegt unter der Erdoberfläche. Die Menschen dort leben fast asketisch, sind ernsthaft und strebsam. Auf Terahnee dagegen ist es licht und hell. Die Menschen leben an der Erdoberfläche. Sie sind verschwenderisch, leben in den Tag hinein, lieben Vergnügungen und Spiele. Langfristige Ziele verfolgen sie anscheinend nicht.

Auf den ersten Blick wirken beide Gesellschaften fest und beständig, fast monolithisch. Ein kleiner Anstoß lässt sie jedoch wie ein Kartenhaus zusammenstürzen. Beide Kulturen werden durch eine Seuche zerstört. Die Entstehung beider Kulturen bleibt verborgen. Es wäre sehr interessant gewesen zu erfahren, was in dem Buch des Königs steht, das Atrus aus den Händen seines Leichnams nimmt.

Beide Kulturen gehen unter, ihre Gesellschaftsentwürfe sind gescheitert. Aber wie geht es jetzt weiter? Ohne vollkommene Abkehr von der alten Lebensweise würden sehr schnell wieder die alten Zustände herrschen. Der blinde Gat fordert die Relyimah bei ihrer ersten großen Versammlung auf, einander anzusehen. ([1], S. 300) Das ist zweifellos einer der ergreifendsten Momente des Romans und gleichzeitig eine der Schlüsselszenen.

Wenn die ehemaligen Sklaven anfangen, einander anzusehen, aufeinander zu achten, Mitgefühl füreinander zu entwickeln, dann ist dies die Chance für eine ganz neue und bessere Gesellschaft. Ohne diese Verhaltensänderung bleibt jeder für sich, auf sein eigenes Schicksal fokussiert und ist leicht beherrschbar. Besonders drastisch wird das am Anführer Ymur sichtbar, der sich innerhalb kürzester Zeit in der Rolle eines Herrschers sehr wohl fühlt. Er kehrt das Verhalten der alten Obrigkeit einfach um. So wie die Terahnee vorher keine Sklaven sehen konnten, dürfen ihn jetzt seine Untergebenen nicht anschauen.

Es ist unmöglich, einfach auf den Trümmern der alten Ordnung etwas Neues aufzubauen. Das gilt für Tehranee, aber auch für D’ni. Atrus begreift, dass es ein Fehler war, zu versuchen, einfach die Ruinen von D’ni wieder aufzubauen. Dieser Moment der Erkenntnis muss für Atrus sehr erschütternd sein. Alle seine Hoffnungen und Pläne sind auf einmal hinfällig. Die Autoren lassen den Leser auf wunderbare Weise an der Gefühls- und Gedankenwelt ihrer Hauptfigur teilhaben. Dieser Moment ist für mich einer der Höhepunkte des Romans.

Am Schluss des Romans wird Atrus mit einer Prophezeiung konfrontiert. Er lehnt es aber ab, Figur in einem Plan zu sein, dessen Umsetzung sich über Jahrtausende erstreckt haben soll. Auch dieses Verhalten macht Atrus so überaus sympathisch. Er glaubt nicht an das Schicksal, möchte unabhängig und aktiv bleiben. Es bedeutet auch, Verantwortung für das Leid zu übernehmen, was durch das eigene Handeln verursacht wird. Seine Charakterstärke imponiert mir.

Allerdings wirkt die Prophezeiung etwas aufgesetzt und wie ein Versuch der Autoren, allem einen Sinn zu geben. Sie werden dem Charakter des Atrus nicht gerecht, indem sie ihn letzten Endes als Teil eines vorherbestimmten Schicksals darstellen. Der Roman hätte eine solche Wendung nicht nötig gehabt. Viel wichtiger wäre es gewesen, auch den anderen Charakteren noch mehr Raum für Entwicklung zu geben.

Der Roman mag der schwächste der Reihe sein, trotzdem lohnt es sich, ihn zu lesen. Die vielen neuen Informationen über die D’ni, die phantastische Welt Terahnee und die anrührende und packende Schilderung des Befreiungskampfes der Sklaven machen viele der Mängel wett. Der Roman ist deshalb vor allem für Kenner der Myst-Reihe unbedingt lesens- und empfehlenswert.

Zum Buch

Originaltitel: MYST – The Book of D’ni
Autoren: Rand Miller und David Wingrove
Deutsch: Barbara Röhl
Verlag: Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co., Bergisch Gladbach
Seitenzahl: 379
Ausgabe: Gebunden

Quellen

[1] Myst - Das Buch der D’ni, Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe GmbH & Co., Bergisch Gladbach

Die Bilder Von K’veer nach D’ni, D’ni wird wieder aufgebaut, Atrus prüft die Bücher, Überlebene werden gefunden, Erkunderteams, Opfer des Untergangs, Auf der Suche, Atrus lehrt und Katharina und Yeesha wurden nach Screenshots aus dem Computerspiel Myst III: Exile der Firma Ubisoft erstellt.

Das Bild Atrus und seine Familie in Myst wurde nach einem Screenshot aus dem Computerspiel Myst IV: Revelation der Firma Ubisoft erstellt.

Das Bild Karte von Garternay wurde nach einem Screenshot aus dem Computerspiel Riven der Firma Ubisoft erstellt.

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