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(Jean Paul)

Der ferne Regenbogen

20.05.2011

Die Erzählung „Der ferne Regenbogen" spielt um 2156 im „Mittags"-Zyklus der Strugatzkis.

Zum Inhalt

Der ferne Regenbogen „Der ferne Regenbogen“ ist ein kleiner, weit von der Erde entfernter Planet. Auf ihm herrschen für menschliches Leben geeignete Umweltbedingungen. Einige Orte scheinen landschaftlich regelrecht paradiesisch zu sein. Auf dem Planeten leben neben vielen Wissenschaftlern auch Künstler und Touristen. Es gibt ein kleines Kinderstädtchen, in dem die Kinder der Bewohner aufwachsen und betreut werden.

Der Regenbogenplanet wurde von irdischen Wissenschaftlern zu ihrem Experimentierfeld auserkoren. Die Physiker erforschen hier den sogenannten „Nulltransport", Star Trek-Fans kennen diese Art des Reisens unter dem Begriff „Beamen". Durch den „Nulltransport" sollen einmal Menschen ohne Raumschiffe durch das Weltall reisen können.

Die Forschung im Bereich „Null-Physik" ist nicht ungefährlich. Nach jedem Versuch kommt es zur Freisetzung einer „Welle". Diese Energiestürme zerstören auf ihrem Weg über lokal begrenzte Gebiete der Planetenoberfläche alles Leben. Oft sind davon unbesiedelte Wüstengebiete betroffen, aber es kam auch schon zur Zerstörung von Ackerflächen. Die Versorgung der Bevölkerung des „Regenbogen" muss deshalb immer noch durch Lieferungen von der Erde sichergestellt werden.

Auf dem Regenbogen Die Tariel Das Schiff wird vorbereitet Letzte Nachrichten

Die Wissenschaftler haben sich scheinbar mit dem Phänomen der „Welle" abgefunden. Eine Gruppe von ihnen beschäftigt sich allerdings mittlerweile mit der Erforschung dieser Energiestürme.

Die Energie der "Welle" steigt mit der Masse des transportierten Materials. Nach einem riskanten Experiment, bei dem eine besonders große Menge zur Erde gesandt wurde, wird ein enorm starker Energiesturm erwartet. Dieser bleibt vorerst aus und lässt die Wissenschaftler sich in Sicherheit wiegen.

Nach einer gewissen Verzögerung kommt es zur Ausprägung einer "Welle" eines ganz neuen Typs. Zwei Wellenfronten breiten sich gegeneinander, von Nord- und Südpol gleichzeitig ausgehend, über den Planeten aus. Allen Bewohnern wird klar, diesen Energiesturm kann niemand auf dem Planeten überleben.

Die Landefähre „Tariel" unter dem Kommando Leonid Gorbowskis ist vor kurzem auf dem „Regenbogen" gelandet und hat dringend benötigte Güter von der Erde mitgebracht. Mit diesem Raumfahrzeug könnte man die Umlaufbahn erreichen und die Bewohner retten. Es bietet aber nicht genug Platz, um alle zu evakuieren. Ein weiteres Raumschiff, die „Strela", ist noch zu weit entfernt, um eingreifen zu können.

Die Bevölkerung des Planeten steht vor einer schwierigen Entscheidung. Wer darf mitfliegen, wer muss zurückbleiben? Gorbowski wählt die einzig vernünftige Alternative ...

Hintergrund

Die Erzählung „Der ferne Regenbogen" erschien 1963 auf Russisch. Zeitlich ist die Handlung in den Anfang der 60er Jahre des 22. Jahrhunderts einzuordnen. ([3])

Neben Leonid Gorbowski trifft der Leser auf seine schon aus der Geschichtenreihe „Mittag, 22. Jahrhundert" bekannten Kameraden Mark Walkenstein und Percy Dickson.

Kamillo und Gorbowski

In der Erzählung begegnet dem Leser die überaus interessante Figur „Kamillo". Er gehört zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die den Versuch unternommen haben, Mensch und Maschine miteinander zu verbinden. Zwischen Gorbowski und Kamillo findet ein bedeutungsvolles Gespräch statt. ([1], S. 220 – 222)

Der in der Erzählung erst noch zu erforschende „Nulltransport" wird in späteren Büchern der Strugatzkis zur alltäglichen Möglichkeit, um auf der Erde größere Entfernungen schnell zu überwinden. (zum Beispiel in „Ein Käfer im Ameisenhaufen")

Die Menschen überleben nur mit viel Glück, die beiden Wellen neutralisieren sich beim Aufeinandertreffen. Der Planet ist danach verwüstet, weitere Versuche zum Null-Trasport werden verboten. Auch Gorbowski überlebt und ist in dem um 2199 spielenden Roman „Die Wellen ersticken den Wind" Mitglied des Weltrates.

Persönliche Wertung

Die Erzählung habe ich schon sehr oft gelesen. Als Jugendlicher in den 80er Jahren kannte ich den zusammenhängenden Zukunftsentwurf der Strugatzkis noch nicht und das Ende des Buches erfüllte mich immer mit großer Traurigkeit.

Obwohl sich diese Geschichte nur durch einen geringen Umfang an Handlung auszeichnet, gelingt es den Autoren, von ihrem Helden Gorbowski ein überaus ansprechendes Bild zu zeichnen. Dieser Mann vereinigt in sich so viele positive Eigenschaften. Es ist seine Art, das Leben genießen zu können, die ihn so sympathisch macht. In einer Diskussion mit Walkenstein über die einfachen Dinge des Lebens merkt er an: „Trotzdem muss man sich bemühen, den Augenblick auszukosten ... Hör nur mal. Da singt sogar jemand, trotz all der Unstimmigkeiten in der Welt." ([1], S. 37)

Wenn Gorbowski mit etwas beschäftigt ist, dann ist er ganz bei der Sache. Er kann sich zurücknehmen, sich ganz auf seine Erholung konzentrieren. Besonders schön ist das zu erleben, als er den Direktor des Regenbogenplaneten Wjasanizyn besucht. In dessen Büro herrscht Unruhe, ein ständiges Kommen und Gehen oder Anrufe per Videophon. Gorbowski lässt sich nicht stören und trinkt in aller Ruhe ein eisgekühltes Getränk.

Gorbowski schläft

Auch später, als die „Tariel" bereits abgeflogen ist und die "Welle" immer näher kommt, kann er sich an dem schönen Abend erfreuen und zu einem kurzen Schläfchen hinlegen.

Gorbowskis Lebenseinstellung unterscheidet sich vollkommen von der der Wissenschaftler des „Regenbogen". Sie handeln verantwortungslos und wirken gehetzt. Viele beschäftigen sich nur mit wissenschaftlichen Dingen, können nicht innehalten und das Leben genießen. Ihre Forschung ist teilweise pure Anarchie, es wird zum Beispiel illegal Strom abgezapft. Man setzt in den Versuchen immer mehr Energie ein, ohne sich Gedanken über mögliche Folgen auf die Umwelt zu machen.

Besonders entwürdigend empfinde ich das Schauspiel, als es an die Verteilung der Ulmotrone geht, die die „Tariel" von der Erde mitgebracht hat. Einige Wissenschaftler greifen zu den Mitteln der Täuschung und des Betrugs, um an die begehrten technischen Geräte zu kommen. Sie wirken wie Getriebene, geben jedoch auch zu, dass ihnen dieses Verhalten zuwider ist ([1], S. 98)

Folgerichtig kommt von den Wissenschaftlern auch der Vorschlag, mit der „Tariel" nicht zuallererst Menschen sondern die überaus „wichtigen" Forschungsergebnisse zu „retten".

Leonid Gorbowski trifft für sie eine Entscheidung und es ist plötzlich so, als würde ihnen eine Last von den Schultern genommen. Alle sind mit seinem Entschluss einverstanden und froh darüber. Gorbowski gibt ihnen dadurch ihre Menschlichkeit zurück.

Für mich ist dieses Buch der Strugatzkis nicht nur eine SF-Geschichte. Für mich hat sie viel mit Philosophie zu tun. Sie bewegt das Herz und hinterfragt den Leser, wie er an Gorbowskis Stelle entschieden hätte...

Zum Buch

Russischer Originaltitel: Далёкая Радуга (Der ferne Regenbogen)
Autoren: Arkadi und Boris Strugatzki (auch Strugazki)
Deutsch: Aljonna Möckel
Verlag: Verlag Das Neue Berlin 1971
Seitenzahl: 223
Ausgabe: gebunden mit Schutzumschlag

Quellen

[1] Der ferne Regenbogen - Verlag Das Neue Berlin 1971

[2] Quarber Merkur 93/94 - Franz Rottensteiners Literaturzeitschrift für SF und Phantastik

[3] The Sci-Fi Writers Strugatzky – XXII. Century - http://rusf.ru/abs/english/e-22-0.htm

Die Bilder der Himmelskörper wurden mit der freien Software Celestia erstellt.

Die Bilder eines Unbekannten Künstlers stammen von der Seite "Фантасты братья Стругацкие: Иллюстрации: Неизвестный художник". Sie erschienen in dieser Buchausgabe: Далекая Радуга El lejano planeta Arco Iris. – Buenos Aires: Ediciones Radar, 1968.

Die Veröffentlichung der Zeichnungen erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch Vladimir Borisov (Redakteur der Seite "Фантасты братья Стругацкие").

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