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(Jean Paul)

Picknick am Wegesrand

25.05.2011

Zum Inhalt

Blick auf Nord- und Südamerika
Blick auf Nord- und Südamerika

Vor einigen Jahren sind auf der Erde außerirdische Besucher in sechs verschiedenen Gebieten gelandet. Kontakt zur Bevölkerung war nicht beabsichtigt. Nach ihrem Abflug hinterließen die Fremden sogenannte „Zonen“. Eine davon liegt in der Nähe des kanadischen Ortes Harmont. In der Harmonter Zone werden nun ungewöhnliche Vorgänge beobachtet. Einige Bereiche sind voller tödlicher Gefahren, an anderen Stellen sind Artefakte außerirdischer Technologie zu finden. Diese Fundstücke weisen teilweise sehr gefährliche Eigenschaften auf.

Das Bergen der Hinterlassenschaften erfolgt durch sogenannte „Stalker“. Sie sind Schatzsucher, die bei Ihren Besuchen in der Zone ihr Leben riskieren und ihre Fundstücke auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Roderic Schuchart, auch Rotfuchs genannt, ist einer von ihnen. Anfangs arbeitet er als Laborant am internationalen Institut für außerirdische Kulturen. Seit seiner Jugend schmuggelt er jedoch regelmäßig illegal Beutestücke aus der Zone. Roderic ist aufgrund seiner Erfahrung und umsichtigen Vorgehensweise unter den anderen Stalkern sehr angesehen. Gern wird er von verschiedenen Auftraggebern als Begleiter für Missionen in die „Kontaktzone“ angeheuert.

leere Null
Eine leere "Null"

Der Ablauf der Begebenheiten in der Harmonter Zone lässt sich in vier Phasen einteilen.

In Phase 1 hat der Kontakt der Außerirdischen mit der ansässigen Bevölkerung äußerst dramatische Folgen. Viele Menschen werden getötet bzw. verletzt, es kommt zum Einsatz von Militär und das betroffene Gebiet wird verwüstet.

Später in Phase 2 bergen Stalker eine große Menge an außerirdischen Artefakten. Auch Forscher sind in der Zone unterwegs. In dem anfangs unerforschten Gebiet fordern versteckte Fallen und ungewöhnliche Naturereignisse viele Todesopfer. Es werden Bereiche extrem hoher Gravitation („Fliegenklatsche“) entdeckt. Der Kontakt mit anderen Erscheinungsformen führt zu Verletzungen bzw. endet tödlich. Roderic verliert durch Unachtsamkeit seinen besten Freund Kirill.

In Phase 3 errichtet man eine Mauer um das Zonengebiet. Schatzgräber, die illegal Fundstücke aus dem Gebiet herausbringen wollen, werden von den Wachen gejagt. Forscher setzen zur Untersuchung der Zone erstmals Roboter ein. Die Artefakte sind immer noch heiß begehrt und können einem Stalker auf dem Schwarzmarkt sehr viel Geld einbringen. Roderic wird nach einem erfolgreichen Besuch in der Zone verhaftet und muss für einige Zeit ins Gefängnis.

Gefahrenstellen
Gefahrenstellen

Am Ende kommt in Phase 4 der Schwarzmarkthandel mit Beutestücken fast vollkommen zum Erliegen. Die Schatzsuche in der Zone wird durch eine Elektronikfirma am Harmonter Institut für außerirdische Kulturen kontrolliert. Stalker finden für ihre illegalen Fundstücke keinen Abnehmer mehr. Einige Gegenstände aus der Zone werden inzwischen als Schmuck und medizinische bzw. technische Hilfsmittel eingesetzt, auch wenn man ihren Aufbau und ihre Funktionsweise nicht begreift.

Roderic begibt sich ein letztes Mal in die Zone und soll im Auftrag von Barbridge (Aasgeier) ein besonderes Artefakt bergen. Es handelt sich um die „goldene Kugel“, ein Gegenstand, der angeblich „alle Wünsche erfüllen“ kann. Als er sich vor dem Objekt befindet, ist es ihm unmöglich, einen eigenen Wunsch zu äußern.

Hintergrund

Der Roman „Picknick am Wegesrand“ erschien 1972 in der Leningrader Zeitschrift „Awrora“ auf Russisch. Später sollte das Werk zusammen mit „ Das Hotel ‚Zum Verunglückten Bergsteiger’ “ und „Die dritte Zivilisation“ in einem Sammelband unter dem Titel „Unverhoffte Begegnungen“ erscheinen. Der Verlag „Molodaja gwardija“ (dt. „Junge Garde“) verzögerte die Veröffentlichung in den Folgejahren immer wieder. Die Strugatzkis waren bei der Obrigkeit in Ungnade gefallen und in den 70er Jahren wurden deshalb kaum neue Werke der Autoren verlegt. Letztendlich erschien der Band 1980 in durch die Zensur stark entstellter Form. (Boris Strugatzki in [1], S.863-868)

Die drei erwähnten Werke beschäftigen sich mit dem Thema eines möglichen Kontakts mit einer außerirdischen Zivilisation. Ihnen ist gemeinsam, dass er nicht erfolgreich verläuft.

Blick auf Asien
Blick auf Asien

In „Picknick am Wegesrand“ stehen die Menschen den außerirdischen Erscheinungsformen vollkommen hilf- und verständnislos gegenüber. Die fremde Technologie muss einen so hohen Entwicklungsstand aufweisen, dass ein Mensch sie nur als außergewöhnliche Naturerscheinung begreifen kann. Es ist sogar recht wahrscheinlich, dass die „Anderen“ die menschliche Zivilisation entweder als Kontaktpartner nicht bemerkt oder nicht akzeptiert haben. Einer der Forscher äußert sogar die Vermutung, die Fremden hätte auf der Erde ein Picknick veranstaltet und ihre Hinterlassenschaften wären der Müll, den man in einer solchen Situation oft einfach selbst zurücklässt.

Bemerkenswert ist auch, dass man mit den sechs Zonen auf der Erde recht unterschiedlich verfährt. So wird erwähnt, dass es zum Beispiel in Russland keine Probleme mit Stalkern und dem Schwarzmarkthandel mit illegalen Fundstücken gibt. Nach dem Kontaktereignis wurde das betroffene Gebiet großräumig abgesperrt. Näher als 100 Kilometer kommt kein Unbefugter an die dortige Zone heran.

Der sowjetische Regisseur Andrei Tarkowski verfilmte das vierte Kapitel des Romans unter dem Titel "Stalker".

Persönliche Wertung

Auch wenn „Picknick am Wegesrand“ dem utopische Genre zugeordnet und als Science-Fiction-Roman bezeichnet wird, ist er für mich ein typischer Vertreter einer Dystopie. Es wird eine Gesellschaft beschrieben, die sich aufgrund eines kosmischen Ereignisses zu ihrem Schlechten entwickelt.

Natur in der Zone Verlassene Gebäude in der Zone
Natur in der "Zone" Verlassene Gebäude in der "Zone"

Dies zeigt sich insbesondere dadurch, dass der Kontakt mit außerirdischer Technologie die Menschen nur auf negative Weise beeinflusst. Die Schatzsucher setzen für ein paar Fundstücke ihr Leben aufs Spiel, um das verdiente Geld auf schnellstem Wege in Alkohol und billiges Vergnügen umzusetzen. Die Gier der Geldgeber nach immer neuen Artefakten kann nicht gestillt werden. Einige Objekte sollen sogar auf ihre Eignung zur Herstellung neuer und besonders grässlicher Waffen getestet werden. Die Stalker haben unter den Folgen ihres Aufenthalts in der „Zone“ zu leiden. Ihre Frauen gebären kranke und missgebildete Kinder. Es gibt kaum Kameradschaft unter den Schatzsuchern, jeder sucht zuerst seinen eigenen Vorteil. Einige der Untersuchungsobjekte erweisen sich als hilfreich und nutzbar. Ihr Aufbau, ihre Funktionsweise und Herstellung können nicht ergründet werden. Die sogenannte „Zone“ ist gefährlich und wird für die Menschen auf lange Sicht unbewohnbar sein.

Die Strugatzkis haben auf Grundlage dieses Settings einen überaus interessanten und packenden Roman geschrieben.

Der Hauptheld wächst dem Leser aufgrund der genauen Schilderung seiner Lebensumstände und seines nachvollziehbaren Handelns ans Herz. Roderic Schuchart ist manchmal ein regelrechtes Raubein und dem Alkohol vielleicht ein wenig zu sehr zugeneigt. Jedoch verhält er sich bei seinen Besuchen in der verbotenen „Zone“ umsichtig und verantwortungsvoll, auch denen gegenüber, die ihn als Führer engagieren. Den Tod seines besten Freundes Kirill, an dem er sich schuldig fühlt, kann Roderic nur schwer verwinden. Der Leser fühlt in diesen Momenten besonders intensiv mit dem Schatzsucher.

Roderic ist ein Getriebener. Er weiß, dass ihn der Aufenthalt in der „Zone“ verändert. Trotzdem kehrt er immer wieder dorthin zurück. Es ist sein Beruf, nach Artefakten zu stöbern und dabei dem Tod immer wieder ein Schnippchen zu schlagen. Roderic will seine Familie ernähren und möchte finanziell unabhängig bleiben. Wie er sich um seine Frau und sein Kind kümmert, macht ihn sehr sympathisch.

Erst im letzten Kapitel werden die Gedanken Roderics dargestellt, deshalb ist er für den Leser der aufschlussreichste und beste Teil des Romans.

Der Weg zur Kugel ist für den Stalker wie eine Reise zu sich selbst. In diesem Moment hinterfragt Roderic sein Leben. Trotz seiner Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung wurde er zum Sklaven anderer. Er begreift, dass sein ganzes Leben darin bestanden hat, vor Gefahren auf der Hut zu sein, eine Rolle zu spielen oder sich gegen Unrecht zu wehren. Trotzdem ist Roderic davon überzeugt, seine Seele niemals verkauft zu haben.

Der Auftrag, die „goldene Kugel“ zu beschaffen, zwingt ihn dazu, etwas zu tun, was er eigentlich gar nicht will. Diese Entscheidung zerreißt ihn innerlich, weil er sich dazu gedrängt und benutzt fühlt.

Vor dem Objekt angekommen, ist es ihm unmöglich, einen eigenen Wunsch zu formulieren. Bei seinem Grübeln fürchtet er sich, auch bei dieser Entscheidung durch andere manipuliert zu werden. Roderic ist in diesem Moment vielleicht der einzige Stalker, der sich wirklich etwas von der Kugel wünschen darf. Sein Herz ist frei von selbstsüchtigem Verlangen. Er bittet die Maschine, in sein Herz zu sehen und zu erkennen, was er sich wirklich erhofft. Letztendlich fällt ihm nichts anderes ein, als diesen Wunsch auszusprechen: „Glück für alle, umsonst, und niemand soll gekränkt fort gehn!“ ([1], S. 232)

Zum Buch

Russischer Originaltitel: Пикник на обочине
Autoren: Arkadi und Boris Strugatzki (auch Strugazki)
Deutsch: Aljonna Möckel (ergänzt von Erik Simon)
Verlag: WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN 2010
Seitenzahl: 226
Ausgabe: Paperback

Quellen

[1] Gesammelte Werke 2 – A. u. B. Strugatzki, WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN 2010

Das Bild Verlassene Gebäude in der "Zone": © Increa - Fotolia.com (bearbeitet)

Das Bild Natur in der "Zone": © pmphoto - Fotolia.com (bearbeitet)

Das Bild Gefahrenstellen: © Andreas Meyer - Fotolia.com (bearbeitet)

Die Bilder der Erde wurden mit der freien Software Celestia erstellt.

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