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(Jean Paul)

Die blaue Sonne der Paksi

03.04.2013

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Die blaue Sonne der Paksi
© Werner Ruhner

Einige tausend Jahre in der Zukunft landet ein Raumschiff von der Erde auf einem Planeten am Rande der Galaxis. Die Raumfahrer waren ausgesandt worden, einen Bauplatz für eine extragalaktische Sendestation zu finden.

Sie sind erleichtert und glücklich, endlich einen solchen Planeten gefunden zu haben. Auf ihrer Suche ist er der Erste, auf dem sie höherentwickeltes Leben entdecken. Alle zuvor besuchten waren lebensunfreundliche Welten. Der Planet ist der Erde in vielem ähnlich. Nur seine blaue Sonne zwingt die Raumfahrer dazu, ihre Arbeit im Freien auf die Stunden von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang zu beschränken.

Nachdem der Planet weitestgehend erforscht und als geeignet für den Bau der Sendestation befunden ist, naht die Zeit der Rückkehr zur Erde. Wenige Tage vor dem Starttermin finden Utta und Tondo im dichten Grasland des Planeten einen Körper, den sie für ein verendetes Tier halten. Doch als die grelle Sonne aufgeht, beginnt sich der Fund zu regen. Die Raumfahrer erkennen, dass es sich um einen Roboter handelt.

Reise bis an den Rand der Galaxis Die blaue Sonne
Reise bis an den Rand der Galaxis
Die blaue Sonne der Paksi

Der Roboter verhält sich überhaupt nicht robotertypisch. Er scheint einen eigenen Willen zu besitzen und meidet die Nähe der Menschen. Zugleich versucht er, Kontakt mit den Robotern des Raumschiffs aufzunehmen, benutzt dazu Gesten sowie eine einfache und Laut-arme Sprache.

Wenig später entdecken die Raumfahrer ganze Scharen von Robotern. Sie benehmen sich merkwürdig, sind unterschiedlich bekleidet und tragen Konflikte aus. Ein Kampf zwischen zwei Gruppen wird beobachtet, bei dem die eine sich wie eine organisierte Kampftruppe und die anderen wie eine Partisaneneinheit verhalten. Gleichzeitig können die Raumfahrer weder die Steuerzentrale noch einen Schöpfer der Roboter entdecken.

Der Unfall eines Besatzungsmitglieds führt zur Verschiebung des Starttermins. Die Raumfahrer widmen sich nun der genauen Erforschung der Roboterpopulation und entdecken dabei immer Erstaunlicheres. Die Roboter leben in einer Gesellschaft zusammen! Sie gehen verschiedenen Tätigkeiten nach. Es werden Wohnhöhlen entdeckt, in denen zwei oder mehr von ihnen wie in einer Familie zusammenwohnen. Der Zusammenbau eines neuen Roboters wird beobachtet. Das „Kind“ wird danach in eine Familie aufgenommen und von seinen „Eltern“ angelernt, indem es alle Bewegungen und Verhaltensweisen genau kopiert. Die Reproduktion der Roboter ist auf diese Art und Weise gelöst. Außerdem entdecken die Raumfahrer eine Einteilung in Arbeiter und Aufseher. Letztere scheinen besondere Privilegien zu haben. Und es werden Anzeichen für etwas mit einer Religion vergleichbares entdeckt. Aber wo sind die Schöpfer dieser Robotergesellschaft?

Kontakt zu den PaksiDie Menschen werden in Auseinandersetzungen hineingezogen und müssen schwierige Entscheidungen treffen. Sie lernen den Roboterkönig Iskatoksi kennen. Er fordert ihre Unterstützung. Die vor langer Zeit verschwundenen Schöpfer haben die handwerkliche Produktion der meisten Roboterbestandteile wunderbar organisiert. Jedoch ist der Vorrat an speziellen Materialien, die man für die Herstellung neuer Gehirne benötigt, fast erschöpft.

Zugleich befindet sich die feudale Robotergesellschaft im Umbruch. Sogenannte Rebellen fliehen von ihrem Arbeitsort und wollen ein eigenständiges Leben führen. Eine Kolonie mit frühkapitalistischer Prägung deutet den Untergang der alten Machtverhältnisse an. Um seine Forderungen zu bekräftigen, nimmt der Iskatoksi eine Gefährtin als Geisel mit an seinen Hof.

Die Forscher stoßen auf ein geheimnisvolles Bauwerk. Sie können sich der Kuppel nur bis auf eine bestimmte Entfernung nähern. Ein Schutzmechanismus vertreibt jeden Eindringling mit einem hochenergetischen Laserstrahl.

Dann entdeckt Tondo in der Metropole der Kolonie das Wrack eines Raumschiffs. Die Raumfahrer verschaffen sich Zugang zum Kuppelbau und lüften dessen Geheimnis. Eine wichtige Entscheidung mit dramatischen Folgen muss getroffen werden, ehe das Rätsel um die Robotergesellschaft am Rande der Galaxis gelöst werden kann.

Hintergrund

„Die blaue Sonne der Paksi“ erschien 1978 im Verlag Neues Leben Berlin in der höchst populären Reihe „Spannend erzählt“. Die Bücher der Reihe wurden in gebundenem Format verlegt und zeichneten sich durch eine ansprechende Illustrierung aus.

In den 1970er Jahren bis Anfang der 1980er wurden insgesamt vier Romane des Autors veröffentlicht, in denen es um Planetenabenteuer ging und die einem ähnlichen Erzählschema folgten: „Kosmonauten reisen aus unterschiedlichen Gründen zu einem fernen Planeten, müssen unterwegs Hindernisse überwinden und treffen am Ziel auf eine fremdartige Welt, deren von der Erde abweichende Verhältnisse zu jeweils eigenen physikalischen und biologischen Systemen geführt haben.“ ([2], S. 265)

Der Roman erschien später auch noch in der sehr beliebten „Kompass-Reihe“ als Nummer 308. Auch in dieser Ausgabe sind die schönen Grafiken des Zeichners Werner Ruhner enthalten.

Persönliche Wertung

Auf den Roman wurde ich erstmals Ende der 1970er aufmerksam. Gebannt schaute ich in die Auslage eines kleinen Berliner Buchladens. Besonders faszinierte mich das Bild auf der Vorderseite des Buches. Leider war es mir damals nicht möglich, das Buch zu kaufen. Da das Science-Fiction-Genre in der DDR so beliebt und Neuerscheinungen immer schnell vergriffen waren, dauerte es noch einige Jahre, bis ich diesen Roman lesen konnte.

Auch heute lasse ich mich noch gern von der Handlung in ihren Bann ziehen. Besonders gefallen mir die friedliche Atmosphäre und das vernünftige Zusammenleben der Besatzung im Raumschiff. Zwar kommt es auch hier gelegentlich zu Konflikten, die aber fair und vernünftig gelöst werden. Die verschiedenen Altersgruppen harmonieren gut miteinander. Die Alten bringen ihre Erfahrung nutzbringend ein, der Tatendrang und die Begeisterung der Jüngeren findet ebenso Beachtung.

Die einzelnen Charaktere sind liebevoll und detailliert beschrieben. So erfährt der Leser, dass die Kommandantin Helen sich auf ihrem letzten Raumflug befindet und danach als Lehrerin Kinder im Vorschulalter betreuen wird. Man erfährt, dass sie sich in Vorbereitung auf diese Tätigkeit wichtiger Prüfungen unterzogen hat und spürt, wie wichtig es ihr war, diese zu bestehen.

Der Roman spielt zwar rund 8 000 Jahre in der Zukunft, aber auch dann werden die Menschen mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben wie wir heute. Der Leser fühlt mit dem Piloten Juri, der sich nicht sicher ist, ob er seinem Herzen oder Verstand folgen soll. Er fühlt sich zu der bedeutend jüngeren Utta hingezogen, befürchtet jedoch, dass ihre Beziehung nach Rückkehr zur Erde nicht lange bestehen wird. Eine frühere Enttäuschung macht ihn unsicher. Der Leser hat am Leben der Mannschaft Anteil, weil er ihre innersten Beweggründe erfährt.

Logisch und nachvollziehbar ist für mich die Vorstellung des Autors, wie die autonome Steuerung einer künstlichen Lebensform funktionieren müsste. Die VAZ-Schaltung steht für die biologischen Grundemotionen Vergnügen, Angst und Zorn. Auf recht einfache Art und Weise werden die Roboter damit befähigt, Aufgaben bereitwillig zu übernehmen und Lösungen zu finden.

Besonderes Interesse weckt bei mir ein Gespräch zwischen zwei Mannschaftsmitgliedern über die Zukunft der menschlichen Gesellschaft. Natürlich sieht der Autor als Schriftsteller der DDR den Kommunismus als Ziel der Entwicklung. Mich fasziniert an der Unterhaltung folgender Aspekt: Die Raumfahrer kommen zu dem Schluss, dass die Menschheit bisher vor allem damit beschäftigt war, die Abhängigkeit von der Natur zu überwinden. Es ist jedoch vorstellbar, dass sich dieser Prozess wieder umkehren könnte. Damit ist kein profanes „Zurück zur Natur“ gemeint, sondern sowohl eine Anpassung der Natur an den Menschen, als auch des Menschen an die Natur. Ob die Entwicklung so weit gehen muss wie in der Erzählung „Ein gut eingerichteter Planet“ (Leonida) von Arkadi und Boris Strugatzki, da bin ich mir nicht sicher. Dass wir Menschen auf unserer Erde nicht so weiter machen können wie bisher, ist wohl jedem klar. Die Darstellung der Forschungsarbeiten am Natur-Projekt ([1], S. 75) und die logischen Schlussfolgerungen daraus sind jedenfalls überaus modern und aktuell.

Den Handlungsfluss des Romans empfinde ich als logisch, er hält den Leser bei der Stange. Zum Ende des Buches baut sich eine große Spannung auf, die auf befriedigende Weise gelöst wird. Nur jene Situation, die letztlich zur Entdeckung der Schöpfer der Roboter führt, hätte vielleicht etwas eleganter aufgelöst werden können.

Ich fühle mich von dem Roman wunderbar unterhalten und kann das Buch nur wärmstens empfehlen!

Zum Buch

Originaltitel: Die blaue Sonne der Paksi
Autor: Karl-Heinz Tuschel
Verlag: Verlag Das Neue Berlin 1978
Seitenzahl: 320
Ausgabe: Gebunden

Quellen

[1] Die blaue Sonne der Paksi - Verlag Das Neue Berlin 1978

[2] Die Science-fiction der DDR - Autoren und Werke, Verlag Das Neue Berlin 1988 - herausgegeben von Erik Simon und Olaf R. Spittel

Das Buchcover ist eine Grafik von Werner Ruhner.

Das Bild Kontakt zu den Paksi ist eine Nachzeichnung einer Illustrationen von Werner Ruhner (Die blaue Sonne der Paksi - Verlag Das Neue Berlin 1978 S. 129).

Die Bilder der Himmelskörper wurden mit der freien Software Celestia erstellt.

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