Life in the 22nd Century

Living in a better world!

Motto

Lesenswerte SF-Literatur entdecken und vorstellen.

„Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne“mylogo

(Jean Paul)

Überlebende

28.05.2011

Zum Inhalt

Raumschiff Pol
Das Raumschiff "Pol" kurz vor dem Absturz

Vor rund 16 Jahre stürzte das Raumschiff „Pol“ über einem unerforschten Planeten ab. Bei diesem Ereignis wurden der Antrieb und die Energieversorgung zerstört. Gefährliche Strahlung und die unwirtlichen Umgebungsbedingungen zwangen die überlebende Besatzung, das Schiff überstürzt zu verlassen. Auf ihrer Flucht konnten die Menschen nur wenig Proviant, Gebrauchsgegenstände oder wissenschaftliche Ausrüstung mit sich führen. Auf ihrem Weg in ein Gebiet mit besseren Lebensbedingungen verloren sehr viele Besatzungsmitglieder ihr Leben.

Im Laufe der Zeit können sich die Überlebenden in ihrer neuen Heimat einrichten. Sie errichten eine Siedlung. Die Flüchtlinge entdecken Tiere und Pflanzen, die ihnen als Nahrung dienen. Gleichzeitig müssen sie sich vieler schmerzhafter und verlustreicher Angriffe der unbekannten Lebensformen erwehren. Mit seiner hohen biologischen Aktivität ähnelt der Planet der Erde, weist aber auch einige Unterschiede auf. So dauert hier ein Jahr viel länger und der Winter in ihrem Siedlungsgebiet, der rund 400 Tage währt, stellt die Menschen vor große Herausforderungen. Hunger und Kälte schwächen die Überlebenden. Besonders den Älteren fällt eine Anpassung an die neuen Lebensbedingungen sehr schwer. Sie könnten in den Wäldern um die Siedlung kaum überleben. Krankheiten lassen sie frühzeitig altern.

Den Kindern, von denen die meisten erst nach Errichtung der Siedlung geboren wurden, fällt das Leben auf dem unwirtlichen Planeten leichter. Sie entwickeln von klein auf ein Gespür für die Gefahren ihrer Umgebung. So ist Dick ein gewandter und erfolgreicher Jäger, der die Gemeinschaft mit Fleisch versorgt. Das Mädchen Marianne kennt sich bestens mit Pflanzen und Heilkräutern aus und kann sie zu Heilzwecken und zur Linderung von Krankheiten einsetzen.

Die Natur des unbekannten Planeten
Die Natur des unbekannten Planeten

Die Älteren sorgen sich besonders um die Zukunft der Gemeinschaft der Überlebenden. Sie befürchten, das entbehrungsreiche Leben und der fehlende Kontakt zur irdischen Zivilisation würden im Laufe der Zeit zu einem Verlust der menschlichen Kultur führen. Die Gemeinschaft könnte verwildern und letztendlich untergehen. Durch das Erteilen von Unterricht versuchen die Älteren, ihr Wissen an die jüngere Generation weiterzugeben.

Große Hoffnungen verbinden die Erwachsenen mit einem Besuch des abgestürzten Raumschiffes. Frühere Expeditionen haben es nicht geschafft, die „Pol“ zu erreichen. Marianne, Oleg und Dick machen sich unter Führung von Thomas, einem der Erwachsenen, auf den Weg. Thomas kommt unterwegs ums Leben. Die drei Jungendlichen gelangen jedoch an ihr Ziel. Beladen mit vielen Lebensmitteln und dringend benötigten Materialien kehren sie zur Siedlung zurück. Für Oleg wird der Besuch des Raumschiffes zu einem besonderen Erlebnis. Ihm wird bewusst, dass die Welt, von der ihm die Erwachsenen immer wieder erzählten, wirklich existiert. In ihm wird eine große Sehnsucht nach der Erde geweckt. Er möchte die „Pol“ später gern ein weiteres Mal besuchen.

Ungefähr drei Jahre später planen die Siedler eine neue Expedition zum Schiff. Oleg entwickelt zusammen mit Sergejew, seinem Lehrmeister, einen Flugballon. Die gesamte Bevölkerung der Siedlung ist an dessen Bau beteiligt. Zur Herstellung des Luftgefährts kommen fast nur einheimische Materialien zum Einsatz. Nach seiner Fertigstellung steigen Oleg und Sergejew zum Test mit dem Ballon über die Wolken. Sie entdecken die Erkundungssonde einer irdischen Forschungsexpedition am Himmel. Die Überlebenden setzen nun alles daran, mit den anderen Raumfahrern Kontakt aufzunehmen.

Dick, Marianne und ein Junge namens Kasik werden mit dem Ballon in Richtung der Forschungsstation der Neuankömmlinge geschickt. Etwas später machen sich Oleg und Sergejew auf den Weg zur „Pol“, um deren Sendeanlage zu reparieren und einen Hilferuf abzusetzen. Die irdischen Forscher entdecken das Wrack und beschließen, es laut Vorschrift zu sprengen. Ihnen erscheint es unvorstellbar, dass jemand den Absturz überlebt haben könnte...

Hintergrund

Der Roman besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil „Der Gebirgspass“ erschien 1983 als einzelne Erzählung in einer inhaltlich leicht abweichenden Fassung in russischer Sprache. Erst im Jahre 1988 wurde die Geschichte um die Überlebenden der „Pol“ durch den zweiten Teil ergänzt und zum Abschluss gebracht. ([1])

Der Roman „Überlebende“ ist auch Bestandteil des Zyklus um den Kosmosarzt Pawlysch. ([2], S. 377)

Persönliche Wertung

Der Roman „Überlebende“ besticht durch seine genaue Beschreibung der Mitglieder einer funktionierenden Dorfgemeinschaft. Es ist interessant zu lesen, wie die Kinder sich an das Leben auf dem Planeten gewöhnt und welche Sicht sie auf diese Welt haben. Die Sorgen der Alten um die Zukunft der Gemeinschaft sind nachvollziehbar. Die Menschen dieser Siedlung wachsen dem Leser mit der Zeit immer mehr ans Herz.

Die Handlung schreitet anfangs etwas behäbig voran. Es werden Alltagsprobleme geschildert. Erst nach und nach enthüllt der Autor dem Leser schon länger zurückliegende Ereignisse. Dadurch wird der Leser in das Geschehen hineingezogen. Die Handlung wirkt dadurch sehr realistisch und gibt dem Ganzen einen Hauch von unmittelbarem Erleben.

Die sich auftuende Kluft zwischen den Erwachsenen und den Kindern wirkt glaubhaft. Die Alten haben nur noch die Erinnerung an ein Leben, was sich so sehr von ihrem jetzigen unterscheidet. Sie bedauern ihren Verlust und versuchen, ihre Erinnerungen und ihre Kultur an ihre Kinder weiterzugeben. Diese kennen allerdings nur die Wälder. Die Erzählungen der Alten haben für sie meist etwas Märchenhaftes. Oft fragen sie sich, wozu sie sich Wissen aneignen sollen, das ihnen bei ihrem Überlebenskampf offensichtlich nichts nützen wird. Trotzdem ist es rührend zu erleben, wie in Oleg und Kasik die Sehnsucht nach der verlorenen Erde wächst.

Als die drei Forscher Pawlysch, Sally und Claudia in die Handlung treten, wird dem Leser eine andere Sicht auf den Zufluchtsort der Überlebenden gewährt. Während die Menschen der Siedlung zu einem Bestandteil des Ökosystems des Planeten geworden sind, betrachten die Forscher ihre Umgebung nur als Forschungsgegenstand. Die die Forschungsstation umgebende Flora und Fauna wird als überaus feindlich und gefährlich eingestuft. Beim Auffinden des Wracks der „Pol“ können sie sich demzufolge überhaupt nicht vorstellen, dass ein Mensch längere Zeit auf dieser Welt überleben könnte. Erst das Auffinden der Gestrandeten wird ihnen hoffentlich die Augen öffnen und ihnen dabei helfen, einige ihrer falschen Vorurteile zu überwinden…

Der Roman ist besonders in seinem letzten Drittel unwahrscheinlich fesselnd geschrieben. Für meinen Geschmack überspannt der Autor am Ende den Bogen fast schon etwas zu sehr. Die Auflösung ist für mich ein wenig unbefriedigend. Trotzdem hat „Überlebende“ alles, was ich mir von einem guten Science-Fiction-Roman wünsche: Er spielt in einer fremden und faszinierenden Welt. Anregende philosophische Betrachtungen werden in eine spannende und mitreißende Handlung eingebunden. Die interessanten Charaktere gewinnen das Herz des Lesers. Im Mittelpunkt des Romans steht der Überlebenskampf von Menschen auf einem unwirtlichen Planeten. Kämpfe, Waffen oder Monster (keine Aliens!!!) spielen aber kaum eine Rolle. Fremdes Leben wird eben nicht als Bedrohung dargestellt, das mit aller Macht bekämpft werden muss.

Der Roman „Überlebende“ ist ein besonders lesenswertes Buch.

Zum Buch

Russischer Originaltitel: Посёлок (Die Siedlung)
Autor: Kirill Bulytschow (Igor Moshejko)
Deutsch: Aljonna Möckel und Erik Simon
Verlag: Wilhelm Heyne Verlag München 1995
Seitenzahl: 446
Ausgabe: Paperback

Quellen

[1] Überlebende - Wilhelm Heyne Verlag München 1995

[2] Das Science Fiction Jahr 2004, Wilhelm Heyne Verlag München 2004 - herausgegeben von Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke; daraus "Das Leben Igor Moshejkos, Kir Bulytschows Werk" von Erik Simon, S. 370 - 380

Das Bild Das Raumschiff "Pol": © Tobias Marx - Fotolia.com und © Ralf Kraft - Fotolia.com (bearbeitet)

Das Bild Die Natur des unbekannten Planeten: © Algol - Fotolia.com (bearbeitet)

Lifeinthe22ndcenturylogo