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(Jean Paul)

Fluchtversuch

18.03.2015

Der Roman „Fluchtversuch" spielt im „Mittags"-Zyklus der Strugatzkis.

Zum Inhalt

Fluchtversuch
©Heldur-Jaan Viires

Eigentlich wollen Anton und Wadim nur zur Pandora und Tachorge jagen. Aber dann taucht dieser komische Typ auf und fragt, ob er nicht mitkommen könne. Er will möglichst weit weg von zu Hause. Ein Planet mit atembarer Luft und halbwegs angenehmen Klima wäre nett.

Saul verhält sich zudem eigenartig, trägt immer seine Aktentasche unter dem Arm und hat von den einfachsten Dingen des Lebens keine Ahnung. Nebenbei erzählt er, er wäre Historiker und kenne sich besonders gut über das 20. Jahrhundert aus. Nur der riesige Scorcher will nicht so recht zum zerstreuten Gelehrtentyp passen, der sich mal kurz aus seinem einsamen Kämmerlein traut.

Die Reiseroute wird geändert und wenig später finden die drei einen passenden Planeten. Der ist zudem noch in keinem System vermerkt. Was liegt näher, ihn einfach Saula zu nennen und zu landen?

Die anfängliche Begeisterung über ihren Fund legt sich schnell. Denn hier stimmt etwas nicht - und zwar mächtig gewaltig!

Junge Burschen, nur mit einem Jutesack angetan, liegen erfroren im Schnee.

Auf einer langen Chaussee bewegt sich ein stetiger Fahrzeugstrom in Richtung eines rauchumwölkten Explosionstrichters. Die Fahrzeuge verschwinden in einem Loch, um nach einigen Kilometern wieder an die Oberfläche zu gelangen und einen Kreislauf zu schließen.

Die erste Idee, sie wären Zeugen eines katastrophalen Unglücks und Hilfe wäre von Nöten, wird schnell verworfen. Denn gutgenährte Pelzträger gebieten mit grausamer Brutalität über Scharen frierender Sackhemden-Träger.

Jutesäcke und Null-Transport, wie passt das zusammen? Ein Blick in die Aufzeichnungen verrät Wadim und Anton, der Planet Saula liegt auf der sogenannten Gorbowski-Bader-Liste. Die Fahrzeuge müssen ein Werk der Wanderer sein!

Ungläubig und staunend schauen die drei Freunde einer Gruppe Sklaven zu, die von den Fahrzeugen auf der Chaussee Besitz ergreifen sollen, ohne die geringste Ahnung davon zu haben.

Ein von ihnen gekidnappter Pelzträger erweist sich auch nicht gerade als Quell der Weisheit. Irrtümer und Unverständnis lassen die Helden wenig rational handeln. Sie können nichts bewirken, machen scheinbar alles nur noch schlimmer.

Unverrichteter Dinge kehren die drei zur Erde zurück.

Hintergrund

Der Roman „Fluchtversuch“ erschien 1962 im Original in russischer Sprache. Auf Deutsch wurde er erstmals 1976 bei Volk und Welt in »Fluchtversuch. Phantastische Erzählungen«, S. 81-202 veröffentlicht.

Im Mittagszyklus der Strugatzkis wird das Jahr 2141 als Zeitpunkt der Handlung angegeben. Jedoch haben Arkadi und Boris Strugatzki es stets vermieden, konkrete Angaben über die zeitliche Einordnung ihrer Romane und Erzählungen zu machen.

Die Nennung des Namens Malyschew und der Hinweis auf einen gewissen „Rumata-der-Entdecker“ lassen vermuten, dass damit der Held ihres nachfolgenden Romans „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ gemeint ist.

Persönliche Wertung

Der Roman lässt am Anfang nicht erahnen, zu welch bedeutsamen Einsichten seine Helden am Ende gelangen werden. Dabei ist dies typisch für das gesamte Werk der Strugatzkis, denen es auf einzigartige Weise immer wieder gelingt, große Themen in eine phantastische und spannende Handlung zu packen.

Alles beginnt ganz harmlos. Der Leser wird in die lichte, weite Welt des Mittagszyklus entführt. Eine friedliche Szene. Menschen begegnen sich freundlich. Wadim strotzt vor Lebensfreude und Enthusiasmus. In dieser Welt lässt es sich angenehm leben und arbeiten. Der Leser erlebt einen Weltraumflug und erfährt, wie sich die Strugatzkis eine Reise über große Entfernungen vorstellen. Und da beide Wissenschaftler sind, ist das Ganze intelligent und verständlich beschrieben.

Danach jedoch nimmt die Handlung an Fahrt auf und ist spannend bis zum überraschenden Schluss. Die Autoren bedienen sich eines damals ungewöhnlichen Kniffs. Die Idee, einen Menschen aus der Zeit des 2. Weltkriegs mitten in die Welt des 22. Jahrhunderts zu versetzen, macht den besonderen Reiz dieses Romans aus. Wie das geschieht „ist nicht wesentlich!“ (Boris Strugatzki)

Boris Strugatzki begründet in den Kommentaren des 4. Bandes der Gesammelten Werke diesen Schritt und die Aussage wurde zum Credo ihrer späteren Werke:

„Man darf beliebige Gesetze verletzen, die der Literatur und die des wirklichen Lebens, darf auf jegliche Logik verzichten und die Glaubwürdigkeit untergraben, gegen alle denkbaren und undenkbaren Vorschriften und Regeln verstoßen, wenn nur im Ergebnis das Hauptziel erreicht wird: dass im Leser die Bereitschaft zum Mitempfinden aufflammt, und je stärker diese Bereitschaft ist, umso mehr Regelverstöße darf sich der Autor erlauben.“ ([1], S. 842)

Den Autoren gelingt es auf überzeugende Weise, dieses „Mitempfinden“ auszulösen. Sie versetzen ihre Helden in Situationen, die dem Leser aus eigenem Erleben oder den Medien (Film, Literatur, Kunst) vertraut sind.

Es ist absolut nachvollziehbar, dass die Helden aufgrund ihres Mitgefühls mit den misshandelten Sklaven zu keiner rationalen Einschätzung der Lage auf Saula fähig sind. Die Betroffenheit und der Wunsch zu helfen überwiegen. Die Einsicht, dass etwas geschieht, weil es historisch notwendig ist, kommt meist erst später. Nur mit Abstand ist es möglich zu begreifen, dass der Lauf der Geschichte nicht beschleunigt werden kann, dass es keine Abkürzungen gibt. Das Böse im Laufe der Entwicklung einer Gesellschaft ist letztlich unvermeidlich. Nur aus dem Wunsch, es nie wieder zu Ähnlichem kommen zu lassen, wird das Gute geboren.

Die Frage, ob es erlaubt ist, in die Entwicklung einer minder- oder fehlentwickelten Gesellschaft einzugreifen, thematisieren die Autoren in mehreren ihrer Romane. Sie zeigen deutlich, jede Beeinflussung von außen kann drastische Auswirkungen haben. Gerade heute hat diese Frage besondere Aktualität und Brisanz, wenn man das Ringen der Großmächte um Einflusssphären in der Welt betrachtet. Welche Kräfte werden unterstützt und was geschieht danach?

Die Strugatzkis vermeiden es jetzt und in den späteren Romanen „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ bzw. „Die bewohnte Insel“, ein endgültiges Urteil zu fällen. Sie beschreiben nur und überlassen dem Leser, Schlüsse daraus zu ziehen.

Die Versuche der Helden des Romans jedenfalls sind nicht erfolgreich. Saul ist der erste, dem die ganze Vergeblichkeit ihres Tuns bewusst wird. Anfangs feuert er seine Gefährten noch zu entschiedenem Handeln an:

„Lassen Sie doch endlich Ihre Skrupel fallen! Wenn Sie Gutes tun wollen, dann strengen Sie sich ein bisschen an. Das Gute muss kraftvoller sein als das Böse, sonst bleibt alles beim Alten.“ ([1], S. 72)

Am Schluss begreift er jedoch:

„Eins ist schade“, sagte Saul. „Dass man diese ganze Dummheit und Grausamkeit nicht mit einem Schlag vernichten kann, ohne dabei auch den Menschen zu vernichten … wenigstens die Dummheit in diesem maßlos dummen Land!“ (S. 102)

Ich kann diesen Roman nur empfehlen! Er ist überaus lesenswert!

Zum Buch

Titel: Fluchtversuch
Russischer Originaltitel: Попытка к бегству (Fluchtversuch)
Autoren: Arkadi und Boris Strugatzki (auch Strugazki)
Deutsch: Dieter Pommerenke
Verlag: Golkonda Verlag GmbH 2012
Seitenzahl: 106
Ausgabe: Gebunden mit Schutzumschlag

Quellen

[1] Gesammelte Werke Band 4, Arkadi und Boris Strugatzki – Golkonda Verlag GmbH 2012

[2] Quarber Merkur 93/94 - Franz Rottensteiners Literaturzeitschrift für SF und Phantastik

Die Illustrationen von Heldur-Jaan Viires stammen von der Seite "Фантасты братья Стругацкие: Иллюстрации: Вийрес Хельдур Янович [Viires Heldur-Jaan] (р. 1927)". Sie erschienen in dieser Buchausgabe: Põgenemiskatse. – Tallinn: Eesti Raamat, 1965.

Die Veröffentlichung der Zeichnungen erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch Vladimir Borisov (Redakteur der Seite "Фантасты братья Стругацкие").

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